Muenchhausen

Baron von Münchhausen erzählte eines Abends diese Geschichte, die er wohl wirklich erlebt hatte:

Münchhausen

Ich machte eines Tages einen Ausflug mit Pferd und den Hunden und auf einmal gerieten wir in sumpfiges Gelände. Zum Drum-Herumlaufen war keine Zeit, also mussten wir da hindurch, es gab wohl keinen anderen Weg zu unserem Ziel. Gerade
durchlaufen konnten wir das Moor natürlich nicht, also: wir mussten darüber springen….
Den ersten Anlauf hatte ich allerdings ziemlich kurz berechnet. Mitten im Flug machten wir daher kehrt
und landeten wieder sicher auf der Stelle, von der aus wir abgesprungen waren.
Wir setzen zum nächsten Sprung an – und dieses Mal konnten wir nicht mehr in der Luft wenden.
Wir landeten taumelnd auf dem morastigen Untergrund.
Mein Pferd und ich wären wohl qualvoll ertrunken, hätte ich mich nicht an meine Fähigkeiten erinnert:
Geistesgegenwärtig hielt ich das Pferd mit meinen Schenkeln, die Zügel in der Rechten und mit meiner Linken habe ich es geschafft, mich an meinen eigenen Haaren aus dem Sumpft zu ziehen.
Dass ich dadurch auch mein braves Pferd gerettet habe, versteht sich ja von selbst. Es ist eben doch von Vorteil , wenn man einen kräftigen und gut trainierten Körper hat. Die Hunde kamen übrigens eine Stunde später am Hofe an – sie waren um den Sumpf herum gelaufen.

aus: BARON MÜNCHHAUSEN von Gottfried August Bürger (1747 – 1794), nacherzählt
Bild: Uwe Aulich

Wie wir unsere Reaktion nach außen zeigen, das bleibt uns überlassen. Die Entscheidung treffen wir ganz allein. Diese Option beinhaltet jedenfalls auch, dass uns verschiedene Alternativen zu handeln zur Verfügung stehen. Wenn wir uns zu Fuß auf einer Straße befinden und ein Auto fährt auf uns zu, können wir entweder zur Seite gehen oder stehen bleiben. Wir können entscheiden, stehen zu bleiben – als Folge davon werden wir wahrscheinlich überfahren oder der Autofahrer schafft es durch ein Ausweichmanöver, um uns herum zu fahren. Wenn wir uns entscheiden, stehen zu bleiben, gehen wir gegebenenfalls davon aus, dass der Autofahrer es schafft, rechtzeitig stehen zu bleiben … oder eben nicht! – Das ist der Teil Risiko, den wir in Kauf nehmen, wenn wir uns für das Stehenbleiben entscheiden.
Bei allem, was wir tun, stehen ein JA oder ein NEIN zur Disposition – ein sich auf eine Situation einlassen oder sie ablehnen.
Wir entscheiden ganz allein, wie wir mit einer Situation umgehen – und gleichzeitig entscheiden wir uns auch für die aus unserem Handeln resultierende Konsequenz.
Lassen wir uns auf eine Situation ein, identifizieren wir uns mit ihr – ob wir sie auch verstehen, bleibt hierbei offen. Dann sind wir aktiv an einer Veränderung dieser Situation beteiligt. Aus dem Grad der Identifikation resultiert auch die Qualität der Motivation zur Reaktionshandlung.
Sie ist abhängig von unserer momentanen Gefühlswelt. Je stärker wir uns mit einem Leben nach dem JETZT, einem Leben im GLEICH, also mit einer Folgesituation identifizieren, desto stärker sind wir bestrebt, für uns selbst ein möglichst positives Gefühl entstehen zu lassen. Wir entscheiden uns dann auch für die Konsequenz, die uns als erstes als erstrebenswert erscheint, von der wir uns den für uns größtmöglichen Nutzen versprechen. Wie diese Konsequenz im Einzelnen aussieht, ist dabei nicht relevant.

Kommen wir zurück zu Münchhausen:
Wir können die vorstehende Geschichte als „typische Münchhausen-Lügengeschichte“ behandeln, vielleicht noch darüber lächeln… und fertig – oder wir experimentieren ein wenig, um zu sehen, ob und wenn ja, was sich für mich verändert…
Ein Experiment ist zum Beispiel, einzelne Begriffe auszutauschen, ohne den Gesamt-Kontext zu verändern.
Ersetzen wir den Begriff „bei einem Ausflug“ doch einmal durch „bei meiner Arbeit“ oder „in meiner Beziehung“ oder „in einer Konfliktsituation“, „in einem Projekt“, so bekommt die Story einen ganz anderen, vielleicht deutlicheren Realitätsbezug.
Und wenn wir den einen Begriff auswechseln können, dann können wir auch andere ersetzen, wie z.B.: mein Pferd – das, was mich trägt, was mich dahin gebracht hat, wo ich stehe. – (Ja, auch an den Rand des Sumpfes -) …was mich zu dem gemacht hat, der/die ich bin: meine Erziehung, meine Bildung, meine daraus erwachsenen Fähigkeiten, mein soziales Umfeld, meine gemachten Erfahrungen, meine eigene Geschichte, mein Leben.
In der Bildersprache kann man das wie den Teil eines Rahmens betrachten, der mich umgibt, der eine besondere Beziehung auf mich ausübt, aus der heraus ich agiere oder reagiere, eine Art „Beziehungsgeflecht“. Dieses Beziehungsgeflecht ist unter anderem Grundlage für Situationsbewertung sowie für Handlungsentscheidungen zur Veränderung/Lösungsentwicklung. Lösungen stehen selten als Patentrezepte zur Verfügung, sie entwickeln sich aus Strategien, die sich immer wieder aus der Gegenwart, aus dem Jetzt heraus verändern und daher immer wieder auf ihre Sinngebung überprüft werden sollten.
Wir können nicht in die Zukunft sehen, wir vermuten nur ganz bestimmte Entwicklungen – und gleichen diese mit in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen ab. Hinzu kommt, dass nur ein Teil dessen, was wir wahrnehmen, wirklich real ist. Ein nicht unwesentlicher Bestandteil wird in unserer Phantasie abgebildet.
Der nächste Austausch: sumpfiges Terrain… ersetzen wir beispielsweise durch: ich stecke in einer Sackgasse – ich drohe in meiner Arbeit zu versinken – ich fühle mich, als wird/wurde mir der Boden unter den Füßen weggezogen – ich fühle mich nicht mehr bodenständig – nicht mehr stabil – ich spüre keinen Halt mehr (bei Familie, Freunden, Kollegen,…) ich bin dabei, in …irgend etwas… zu versinken, usw..
Auf der einen Seite bin ich – auf der anderen Seite ist das, was ich mir als Vision, als Ziel ausgesucht habe: Die andere Seite des sumpfigen Terrains. Dieses Ziel ist mitunter auf direktem Wege nicht zu erreichen. Nur mittels Aktionen, Handlungen, die sowohl mir, vor allem jedoch dem Außenstehenden anfänglich unmöglich erscheinen mögen – große Sprünge eben – die mitunter viel zu groß bemessen sind.
Hermann Hesse sagte einmal: „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.” Dieser Ausspruch kann dazu ermutigen, über den eigenen Tellerrand hinweg zu blicken – und nicht nur darüber hinwegblicken sondern sich darüber hinweg zu bewegen: eben große Sprünge wagen mit allem, was mich auf dem Weg hierher begleitet hat, mich bisher getragen hat (mein Pferd – meine Geschichte – mein (Er-)Leben).
Und wenn ich, wie in der Geschichte, dann in das „sumpfige Terrain“ abstürze, liegt es eben auch an mir selbst, nach Lösungswegen zu suchen, sie zu entwickeln und zu praktizieren, mit ihnen zu arbeiten.
Bei dieser Auswahl der Handlungsalternativen werde ich mit meinen eigenen Fähigkeiten, meinen Talenten konfrontiert, hinsichtlich deren Nutzungseffizienz ich mich immer wieder neu entscheide – in Abhängigkeit vom Ausbildungsgrad meiner Kompetenzen. Wir unterscheiden hierbei vier verschiedene Arten von Kompetenz:
Da ist zum Einen die Sachkompetenz.
Sie zeigt sich im Erfassen, Strukturieren und Nutzen von angeeignetem Wissen
Die Methodenkompetenz wird erkennbar, wenn unterschiedliche Methoden inhalts- und situationsgebunden erfolgreich angeeignet, angewandt und/oder reflektiert werden.
Die Selbstkompetenz bezeichnet das Ausmaß von Selbstständigkeit, Fähigkeit zur Selbsteinschätzung sowie Selbstreflexion.
Als viertes folgt die Sozialkompetenz. Sie zeigt sich als Fähigkeit zur konstruktiven Kommunikation und Kooperation. (in Anlehnung u.a. an Klafki 2003)
Zudem stehen mir unterschiedliche Wirkungsradien zur Verfügung. Wenn ich die Veränderung einer Situation aktiv herbeiführen möchte, muss ich als erste Konsequenz Energie aufwenden: Energie = Arbeit.
Das trifft auch zu, wenn ich bei mir selbst Veränderungen wünsche – sei es im Bereich meiner Fähigkeiten oder auch in meiner Gedanken- oder Gefühlswelt.
Mitunter komme ich jedoch auch an meine Grenzen – Ich merke, dass ich mich nicht an meinem eigenen Haarschopf aus der vermeintlich misslichen Lage herausmanövrieren kann. Der Haarschopf steht für das, was in mir, was an mir gewachsen ist. Alles, was ich gelernt habe, reicht nicht aus, einen erforderlichen Lösungsweg zu beschreiten – oder irgendetwas blockiert mein Denken und ich kann dadurch nicht auf bereits vorhandenes Know-how zugreifen.
Jetzt kommen die Physiker zu Wort:
Sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, geht ja wohl gar nicht – denn: Wenn ich mich auf der Erde (wobei mit ERDE der Planet und nicht ein konsistenzbedingtes Medium (Wasser, Felsen o.ä.) gemeint ist), befinde, bin ich in einem physikalischem Kräfte-Gleichgewicht. Grundlage hierfür ist die Erdanziehungskraft. Demzufolge bedarf es einer äußeren Kraft, um meine vertikale Position zu verändern.
Wenn ich also dann die Entscheidung treffe, trotzdem weiter zu machen, dann nutze ich gegebenenfalls fremde Hilfe. In der Arbeitswelt existiert der Satz: „Wenn Du nicht mehr weiter weißt, so bilde einen Arbeitskreis! “. Das Hinzuziehen weiterer Kompetenzen ermöglicht die Thesen: Vier Augen sehen mehr als zwei oder vier Ohren hören mehr als zwei, usw.
Zudem bekomme ich durch Außenstehende neue Impulse, so dass ich mittels meinem eigenen erweiterten Horizont neue Lösungswege beschreiten kann. Das bedeutet auch, dass ich nicht nur über den Tellerrand hinaus blicke, sondern mich auch darüber hinaus bewege.
Wann habe ich das letzte Mal etwas getan, was ich vorher noch nie bewusst getan habe – weil es immer Regeln gab, die es zu befolgen galt? Nehmen wir z.B. den Sonntagmorgen, 8:00 Uhr. Es regnet Bindfäden – Sie stehen an einer breiten, übersichtlichen Straße an einer roten Fußgängerampel – weit und breit kein Auto… keine kleinen Kinder, keine Radfahrer – nur Sie mit der Brötchentüte allein im Regen vor der roten Ampel – Was machen Sie? Drücken Sie den Knopf und warten, bis GRÜN kommt?
Oder Sie kaufen ein: Wursttheke – Sie möchten 150 g Schinkenwurst und die Verkäuferin fragt: “ 164 g – ist es so recht? “ – Wer sagt da schon NEIN? Dabei ist es das beste Übungsfeld, seinen Standpunkt auch sich selbst gegenüber klar zu definieren. Wie oft sagen wir „JA“ obwohl wir „NEIN“ meinen? In solchen Momenten kommen wir jedes Mal in einen Konflikt mit uns selbst. Und wie lautet die Konsequenz aus diesem Konflikt?
Diese Frage zu beantworten bleibt jedem selbst überlassen.
Der letzte Teil der Münchhausen-Geschichte: „Es ist eben doch von Vorteil , wenn man einen kräftigen und gut trainierten Körper hat. “ verdeutlicht, dass sich das Suchen nach Lösungswegen auch vortrainieren lässt. Vorausgehend hierfür ist u.a. die Analyse von eigenen Konfliktsituationen, wie das Beispiel mit der Wursttheke zeigt. Was will ich – und was bin ich bereit, dafür zu tun und zu welchen Konsequenzen bin ich bereit?
Ich wünsche Ihnen,dass Sie sich in jeder Situation der Konsequenz bewusst sind, danach handeln und Sie werden entspannter durchs Leben gehen.
Gruß aus Borken
Wolfgang Bogumil
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